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AN GUADN!

Lasst's Euch die Leseprobe schmecken!

Prolog

Strahlender Sonnenschein, saftiges Grün, Schmetterlinge auf Kornblumen, das Summen von Bienen – kurzum: ein Traum – und in dem rannte der kleine Junge wie ein geölter Blitz über die prächtig blühende Almwiese.
„Hannes, du Hundskrüppel, du verreckter!“
Alles war ganz vertraut. Der Geruch, die Geräusche und vor allem sein cholerischer Vater, der nach einem seiner sonntäglichen Wirtshausbesuche mal wieder stockbesoffen nach ihm brüllte.
„Hannes! Zefix! Herkommen sollst!“
Das Versteck des Jungen war ein kleiner Heuschober, der einsam auf der Almwiese stand. Als sein Alter laut schnarchend seinen Rausch ausschlief, schlich er sich hinaus und streunte umher. An warmen Sommertagen zog es ihn immer zu dem uralten Baum mit den süßen, rotglänzenden Sommeräpfeln. Prall und saftig. Die Äste bogen sich unter ihrem Gewicht. Er pflückte sich ein besonders schönes Exemplar, schloss die Augen, atmete das Aroma und biss genussvoll hinein.
Seine Zähne bohrten sich in festes Muskelfleisch. Der Apfel war verschwunden. Er schmeckte Blut. In der Hand hielt er ein Herz. Er wollte es wegwerfen, doch seine Finger hielten es fest umklammert. Blut quoll zwischen ihnen hervor und lief daran herab. Er wollte davonlaufen, doch seine Beine gehorchten ihm nicht. Er wollte schreien. Das gelang ihm.
Schweißgebadet wachte er auf und öffnete die Augen. Um ihn herum war es stockfinster. Mit lautem Sirren erwachten Neonröhren an der Decke zum Leben und tauchten den Raum in kaltes Licht. Die Helligkeit schmerzte, er kniff die Augen zu. Als er sie langsam öffnete, liefen ihm Tränen über die Schläfen. Er starrte an die Decke. Weiße Sterilität, ein Monitor – schwarz. Er wollte sich umsehen. Das funktionierte nicht. Arme und Beine konnte er auch nicht bewegen. Hatte er einen Unfall? Keine Erinnerung! Das atmosphärische Knistern eines Lautsprechers unterbrach seine Gedanken.
„Hallo, Hannes. Schön, dass du wach bist!“
Die Stimme kannte seinen Namen. Sie erfüllte die aseptische Leere des Raumes, schien aus den Wänden zu kommen, die er nicht sehen konnte. Von überall her.
„Dann können wir es ja zu Ende bringen.“
Was zu Ende bringen? Es blieb ihm keine Zeit, darüber nachzudenken. Der Monitor über ihm zeigte nun ein Bild. Er sah sich selbst auf einem OP-Tisch liegen. Seine Pupillen verengten sich auf ihr Minimum, Adrenalin durchflutete ihn. Nur sein Kopf war fixiert und ihm war schlagartig klar, warum er sich nicht bewegen konnte. Er schrie. Niemand hörte ihn. Diesmal war es kein Traum.

 

Kapitel 1

Eine Hand reckte sich in das wolkenlose Blau über der bayrischen Landeshauptstadt, darin ein leeres Bierglas. Dieses gehörte Kriminalhauptkommissar Herbert Wamprechtshammer. Ein kurzes Nicken von Bedienung Wiegald – der lieber Willi genannt werden wollte – bestätigte die Bestellung einer dritter Halben Wildbräu. Schließlich war Wamprechtshammer nicht im Dienst. Schon seit geraumer Zeit nicht, denn er erholte sich noch immer von einem formidablen dienstlichen Hexenschuss. Oder wie der Orthopäde meinte: „Discusprolaps, eindeutig Discusprolaps, vulgo Bandscheibenvorfall, Herr Wamprechtshammer. Da müssen’s wohl oder übel kürzertreten!“
Er verkörperte eher den gemütlichen intellektuellen Typ, dessen immer noch volles Haar sich trotz seiner knapp dreiundfünfzig Jahre gegen das Ergrauen wehrte – jedoch leider mit nachlassendem Erfolg, wie er allmorgendlich feststellen musste. Dezent gebräunt, mit weißem Hemd, Jeans, einem dunkelblauen Baumwoll-Caban, randloser Brille und gepflegtem Dreitagebart wäre er eher als Senior-Model für Prostata-Generika durchgegangen. Allerdings hatte sein ansonsten deutlich sichtbarer „Stau am Mittleren Ring“ nur wegen der strengen Reha-Diät gerade keine Hauptverkehrszeit. Aber mit ein bisserl Bier und Hendl kriegen wir dich schon wieder hin, dachte er und streichelte zärtlich über seinen fast nicht mehr vorhandenen Bauch. Nein, Herbert Wamprechtshammer war ganz und gar nicht eitel, doch er kultivierte seinen sehr eigenen Münchner Stil, und ohne ein gewisses Quantum Gemütlichkeit lief bei ihm gar nichts. Entspannt im Stuhl zurückgelehnt, die Hände hinter dem Kopf verschränkt, ließ er seinen Blick über die Lindwurmstraße mit ihren haushohen Pappeln schweifen – die greislige Schwester der Leopoldstraße, wie er sie gerne nannte –, da kam auch schon Willi angeschwebt.
„Mei, endlich is weniger los! Ein Stress is des immer an solchen Tagen. Ja sag mal, Berti, jetzt warst aber lang ned da. Morden’s so viel in München? Oder magst mich nimmer?“, fragte er in dem beleidigten femininen Singsang, der Wamprechtshammer immer zum Schmunzeln brachte.
Eigentlich war Wiegald Semmeling ein maskuliner Prachtkerl in Lederhosen, mit Wadeln wie Baumstämme und einem Kreuz, als hätte er aus der Mutterbrust pures Testosteron eingesaugt. Allerdings steckte im restlichen Willi ziemlich viel naive Prinzessin und eine unbelehrbare Vorliebe für fiese Machos. Wamprechtshammer hatte ihm in der Vergangenheit bereits mehrmals sprichwörtlich den Arsch retten müssen, wenn er sich mal wieder unsterblich in den Falschen verliebt hatte.
„Morde? Ja, schön wär’s! Die einzigen Morde hätte es beinah in meiner Reha-Klinik geben! Die haben mich nur mit Rohkost gefüttert! Rohkost! Vegetarisch! Kein Bier! Nix! Kannst dir das vorstellen, Willi!“
Willi zog die Augenbrauen nach oben.
„Aber des is doch gesund, Berti. Schaust auch fantastisch aus. Also ich hab da letztens so einen Kerl kennengelernt, der isst nur so Paleo-Zeugs, Nüsse und so was. Der sieht gaaaanz toll aus und meinte, ich sollte jetzt auch …“
„Willi, bring mir mein Hendl. Aber gleich! Und lass mich mit dem Gesundheitsschmarrn in Ruh!“, raunzte ihn Wamprechtshammer genervt an.
Willi schob beleidigt ab, kam aber nach ein paar Minuten mit einem vollgeladenen Teller zurück und platzierte diesen ein wenig affektiert vor dem Kommissar.
Das war Wamprechtshammers perfekter Moment. Vor ihm lag ein goldbraun-knuspriges halbes Hendl, das nur darauf wartete, genussvoll verspeist zu werden. Zuerst war die resche Haut dran, dann das saftige Haxerl. Darauf folgte das zarte Brustfleisch. Das Flügerl hob er sich immer bis zuletzt auf. Als er es gerade hingebungsvoll abknabberte, gab sein Smartphone lautstark einen Klassiker der Rockgeschichte zum Besten. Er versuchte, dem immer lauter werdenden „Thunder“, mit hendlfettigen Fingern Herr zu werden. Beim dritten Mal hatte er es endlich geschafft.
„Herrschaftszeiten, Kruzif…! WAMPRECHTSHAMMER! Was gibt’s?“
Sein Handy duftete nach Hendl und er hatte immer noch Hunger.
„Doch, Sigi, du störst. Aber wurscht. Ja, mir geht’s gut. Aber mir tät’s noch besser gehen, wenn du dich kurzfasst.“
Ein frommer Wunsch, denn am anderen Ende der Leitung startete sein Kollege Sigi Leininger mit deutlich fränkischem Dialekt einen seiner gefürchteten Vorträge. Wamprechtshammer bestellte noch ein Bier, denn so ein Telefonat mit dem aus Nürnberg stammenden Oberkommissar dauerte erfahrungsgemäß etwas länger. Nach viel „Hmmhmm“, „A geh!“ und „Naa echt?“ wusste er dank dessen zwanghafter Ausführlichkeit fast alles über seinen scheinbar nicht besonders beliebten Stellvertreter. Der „elendigliche Dibferlasscheißer“, wie Leininger ihn mit leidenschaftlicher fränkischer Verachtung nannte, war zu dessen Leidwesen auch noch ein waschechter Preuße. Doch scheinbar – und Sigi Leiningers Genugtuung darüber konnte man förmlich greifen – war der Sportfreak wohl etwas zu ehrgeizig gewesen. Der hatte nämlich letzte Woche beim Mountainbiken am Isar-Trail den falschen Weg eingeschlagen und einen wahrhaft spektakulären Abflug in den gleichnamigen Fluss hingelegt. Dort blieb er nach ein paar hundert Metern Spülgang an einer Staustufe hängen. Diesen Stunt hatte er nur überlebt, weil ein paar beherzte FKK-Rentner – die sich dank fast schon sommerlicher Temperaturen bereits an der Isar sonnten – den unfreiwilligen Highflyer gerade noch rechtzeitig aus den Fluten angeln konnten. Jetzt lag er im künstlichen Koma auf der Intensivstation. Mein lieber Herr Gesangsverein, dachte Wamprechtshammer, in deiner Haut möchte ich nicht stecken. Aber danke trotzdem – you made my day!
Er bedeutete Willi, dass er es jetzt eilig hatte, was dieser mit einem fragenden Blick quittierte, hinterließ den Preis für seine Zeche plus ordentlich Trinkgeld auf dem Tisch und verließ eilig die Dachterrasse des Stüberls. Draußen schwang er sich auf sein ohne jegliche Würde gealtertes Herrenrad und machte sich – trotz Krankenstand und drei Halben „Wildem“ im Blut – auf den Weg zu seiner Dienststelle in der Münchner Innenstadt. Dabei pfiff er leise „I believe I can fly“ vor sich hin. Er war mehr als gespannt darauf, was der Leininger eigentlich von ihm wollte, da er ihn gar so inständig darum gebeten hatte, im Polizeipräsidium vorbeizuschauen. Wamprechtshammer kannte seine Pappenheimer.

 

Kapitel 2

Kaum hatte Wamprechtshammer die Diensträume seiner bereits ziemlich in die Jahre gekommenen Dienststelle betreten, erblickte ihn auch schon Theresa Gruber, sprungfederte ihm fröhlich entgegen und umarmte ihn stürmisch.
„Beeertiii, schön dass du wieder da bist! Ich hab dich schon vermisst … hoppla, ich komm ja um dich rum. Hast ganz schön abgenommen. Sauber, sag ich!“
Sie schlug ihm mit der flachen Hand auf den fast nicht mehr vorhandenen Bierbauch, stemmte die Arme in die Hüften und schob bewundernd nickend die Unterlippe nach vorne, während sie ihn von oben bis unten musterte. Wamprechtshammer musste grinsen. Nicht wegen des Kompliments, vielmehr wegen Kriminalkommissarin Gruber. Die sah nämlich nicht so aus, wie ihr Name und ihr Münchner Dialekt vermuten ließen, sondern wie die kleine Schwester von Lucy Liu, also eindeutig asiatisch und ausgesprochen hübsch. Und sie unterschritt signifikant die Mindestgröße für Polizeibeamte in Bayern. Wie sie es geschafft hatte, dennoch Polizistin zu werden, wusste sofort jeder, der sie einmal in Aktion gesehen hatte. So auch Tommy Schlierseer, Kampfsportleiter und praktisch der Prototyp eines Chauvinisten. Der wollte dem „süßen Asia-Schneckerl“ beim ersten Selbstverteidigungstraining mal zeigen, wo der Bartl den Most holt. Major Tom hob daraufhin ab und landete mit einem doppelten Nasenbeinbruch und einer ausgerenkten Schulter im Krankenhaus. Theresa Gruber zitierte man zu ihrem disziplinarischen Vorgesetzten Herbert Wamprechtshammer. Der rügte sie mit versteinerter Miene wegen übertriebener Härte, konnte einen Lachanfall nicht mehr zurückhalten, kaum dass sie das Zimmer verlassen hatte, und holte die asiatische Ein-Frau-Armee sofort in sein Team für Sonderermittlungen.
„Schaut’s mal, wer endlich wieder da ist!“
Theresa hielt Wamprechtshammer immer noch an der Hand, wie einen kleinen Jungen, den die Kindergartentante das erste Mal seinen neuen Spielkameraden vorstellt.
„Du, Reserl …“
„Ja, Berti?“
„Du kannst mich jetzt wieder loslassen, ich schaff das schon …“
„Oh, sorry …“ Theresa bekam rote Ohren. Man musste sie einfach liebhaben. Und besser das als zum Feind, dachte Wamprechtshammer.
Nach allgemeinem „Grüß Gott“ und „Hallo“ sowie vielfach gemurmeltem „Gut schaust aus“ und „Schlank bist worden“ reichte es Wamprechtshammer.
„So, Ladies and Gentlemen, ich hab euch alle lieb, aber jetzt langt’s. Auf geht’s, Sigi, ab ins Chefkabuff. Ich bin ja schließlich nicht zum Spaß hier. Du wolltest was mit mir besprechen.“
Die zwei machten es sich in seinem recht spartanisch eingerichteten Zimmer möglichst gemütlich. Sein havarierter Stellvertreter hatte es ein wenig umgestaltet, was Wamprechtshammer ordentlich wurmte.
„So ein Loamsiader, so ein damischer.“
„Was sagst, Berti?“
„Ach nix, denk bloß laut.“
„Gell, der nervt, sogar wenn er ned da is.“
„Mhmm.“
„Mei, ich sag dir’s, Berti. Der ist mir vielleicht auf den Docht gegangen. Also man soll ja nicht schlecht über Leut reden, denen’s nicht gut geht, aber der …“
„Du, Sigi …“
„Ja?“
„Lass gut sein, ich weiß. Warum hast mich eigentlich angerufen? Ich kenn dich doch. Spuck’s aus!“
„Ja, also … wieso???“
„Leininger!!“
Wamprechtshammer sah ihn über seine randlose Brille hinweg strafend an.
„Jetzt schau mich ned so an, Chef, Berti. Bitte! Ich weiß dann echt ned, wo ich anfangen soll.“
„Am besten vorn …“
„Allmächd, na biddschön, wannsd mechsd …!“
Vor lauter Nervosität fränkelte er noch mehr.
„Mia ham a Leich!“
„Soll so ab und zu bei uns vorkommen, hab ich gehört …“, warf Wamprechtshammer leicht genervt ein.
„Ja, aber so eine ned. Keine Arm’, keine Bein’, aber mit Kopf. Die Extremitäten wurden chirurgisch entfernt, Herz und Augenlider auch. Profiarbeit. Schaut aus, als hätt das der Täter nicht zum ersten Mal gemacht. Und wahrscheinlich auch nicht zum letzten. Und deshalb hab ich dich angerufen. Wir ham an Engpass. Wir brauchen dich, Berti. Dringend. Ich und die Theresa, mia schaffen des ned allein. Meinst, du könntest dich gesundschreiben lassen?“
„Ja, is scho gut, Sigi. Kannst wieder aufhören mit dem Gwuisl. Mir wär sowieso langweilig geworden und ich hab schon überlegt, wie ich die nächsten vier Wochen rumkriegen soll. Wo habt’s denn die halbe Leiche gefunden?“
„Also gefunden hat die ein Jogger am Isarufer. Vorgestern. War aber wohl noch nicht lang im Wasser gelegen. Also die Leiche, nicht der Jogger …“
Interessant, was die derzeit so alles aus der Isar ziehen, dachte Wamprechtshammer und konnte sich beim Gedanken an seinen verunfallten Kollegen, trotz aller Tragik, ein Grinsen nicht verkneifen.

 

Kapitel 3

Margot Szymanski war stellvertretende Leiterin der Abteilung Erhebung beim Münchner Finanzamt und sie liebte ihren Job. Sie war bestens gelaunt und der heutige Arbeitstag ein voller Erfolg. Fünf Ablehnungsschreiben für Stundungsanträge, fünf Schmarotzer, die jetzt am Rande des Existenzminimums leben mussten. Keiner hatte Gnade verdient, außer einer: Die Inhaberin eines Tante-Emma-Start-ups hatte die Stundung und Ratenzahlung ihrer Einkommensteuer beantragt, weil ein Baugerüst vor dem kleinen Laden ihren Umsatz um mehr als ein Drittel hatte zurückgehen lassen. Außerdem hatte der Besitzer der Immobilie eine empfindliche Mietsteigerung angekündigt. Gierige Geldsäcke, dachte Margot und drückte ein Auge zu. Schließlich war sie kein Unmensch.
Sie begann ihren Schreibtisch zu ordnen. Wie so oft war Margot die Letzte in ihrer Abteilung. Sie packte ihre Laufklamotten aus dem Schrank und begann sich in ihrem Büro umzuziehen. Besuch um diese Zeit war ohnehin mehr als unwahrscheinlich, also sparte sie sich den Weg zu den Duschen. Die hatte man vor einigen Monaten neu eingebaut, und diese Annehmlichkeit ermöglichte es ihr endlich, jeden Tag zur Arbeit und wieder nach Hause zu laufen. Das war von großem Vorteil, denn sie war eine wahre Sportfetischistin und das Sitzen tagsüber zermürbte sie. Sie hielt sich fit und der viele Sport machte sich bezahlt. Für ihre knapp vierzig Jahre war sie schlank, durchtrainiert und steckte mit ihrem Aussehen viele Fünfundzwanzigjährige locker in die Tasche. Dass nicht nur sie das so empfand, bewiesen etliche junge Kollegen, die ihr des Öfteren mehr als eindeutige Blicke zuwarfen. Den einen oder anderen Gutaussehenden hatte sie sich schon gegönnt. Auch dazu waren die Duschen ganz gut geeignet.
Aber jetzt war Sport angesagt und danach Entspannung mit Enrique, ihrem scharfen Nachbarn, der gern mal auf ein Nümmerchen vorbeischaute, aber zum Glück danach immer gleich wieder abzog. Enrique stand auf ihren makel- und haarlosen Körper und sie auf Enriques … nun ja … Gardemaße. Sie joggte los, in den fast an ihre Dienststelle angrenzenden Olympiapark. Die lange Runde sollte es heute schon sein und mindestens zweimal Konditionsspitzen am Olympiaberg trainieren – auch wenn es dann schon dunkel war.
Die letzten Meter durch den Park bis zu ihrer Wohnung im Olympiadorf legte Margot im Sprint zurück. Die Hochhäuser der Trabantenstadt, die man Anfang der Siebziger für die Olympischen Spiele in München errichtet hatte, ragten wie ein dunkles Gebirge vor ihr auf. Trotz des vielen Betons war es hier grün und erstaunlich ruhig – und anonym. Das liebte Margot an ihrer Wohnung. Keine nervigen Nachbarn und aufgezwungene Gespräche im Hausflur. Sterile, lange, leere Gänge und ein viriler, fescher Portugiese als Nachbar, was wollte man mehr?
Sie nahm den Aufzug in den zehnten Stock, schloss ihre Wohnung am Ende des langen Flures auf, zog sich aus und sprang unter die Dusche. Herrlich! Warmer Schaum mit dem Duft von Rosmarin und Minze hüllte sie ein und entspannte sie. Als sie sich abtrocknete, betrachtete sie sich im Spiegel und war zufrieden. Ihr Bauch ein leichter Lady-Sixpack, ihre Brüste trotz der schlanken Figur ein weiches, aber straffes C, das Enrique gerne vielseitig nutzte. Jetzt war sie heiß. Wo blieb der Mistkerl nur? Ihr Smartphone surrte auf der Ablage vor dem Spiegel. „KOMM RÜBER :-D“ – die Message war eindeutig, aber eher selten. Warum nicht? Versauen wir halt mal nicht mein Bett, dachte Margot und schlüpfte in ihren Seiden-Jumpsuit, einen Hauch von Nichts. Dass sie jemand so auf dem Flur sehen könnte, machte sie nur noch schärfer.
Mit wenigen schnellen Schritten eilte sie über den Gang zu Enriques’ Appartement. Die Tür war nur angelehnt. Interessant, dachte sie, heute willst du es aber wissen. Margot betrat lautlos die Wohnung. Es roch nach Bleu de Chanel, seinem Lieblingsduft, und nach gegrilltem Steak, was sie wunderte, denn Enrique kochte nie. Aber egal, der Knabe hatte wahrscheinlich mehr Fantasie, als sie vermutete. Sie folgte dem Geruch, er kam aus seinem Schlafzimmer. Einerseits gut, andererseits erstaunlich. Steak im Schlafzimmer? Sie öffnete die Tür und plötzlich entglitt ihr die Realität, sie riss die Augen auf und wollte schreien, doch es gelang ihr nicht. Der Anblick war absurd. Enrique lag nackt auf dem Kingsize-Bett, die Augen schreckgeweitet und starr, denn seine Mitte, sein Prachtteil, brannte lichterloh, wie eine einzelne Kerze auf einer Karamelltorte. Ihre Blase entleerte sich und die Beine versagten ihren Dienst. Das Letzte, was sie hörte, war das „Tiktiktik“ eines Tasers, der sie mit dreihunderttausend Volt von diesem Anblick erlöste.